Der Härtetest ist eine Liste aus neun Prüfpunkten zwischen deinem Prototypen und dem ersten echten Kunden: Zugangsschlüssel, Datentrennung, Login, Kostendeckel, Nutzerlimit, Eingabeprüfung, Fehlermeldungen, Sicherung und zwei erfundene Testkonten. Keiner der Punkte kostet mehr als eine halbe Stunde, manche zwei Minuten. Zusammen ein halber Nachmittag, einmal. Zu jedem Punkt gehört ein Satz, den du deinem KI-Werkzeug wörtlich sagen kannst.
Diese Seite spielt alle neun Punkte offen aus. Das Blatt zum Abhaken mit den vollständigen Sätzen zum Abtippen liegt als PDF unten.
Warum hält ein Prototyp keinen echten Kunden aus?
Du hast dir etwas bauen lassen. Ein kleines Portal für deine Kunden, ein Formular, das Anfragen sortiert, eine Seite, die Zahlen zeigt. Es lief in unter einer Stunde. Dann kommt der Moment, in dem du den Link jemandem schickst, und da beginnt ein anderes Spiel.
Ich habe das selbst gemacht. Fertiges Kundenportal, unter einer Stunde. Online durfte es nicht. Der Zugangsschlüssel für die KI stand offen im Browser, und alle Kunden lagen in einem einzigen Datentopf. Beides war kein Fehler des Werkzeugs. Ich hatte nie gesagt, dass es anders sein soll.
Genau da liegt der Haken bei KI-Werkzeugen wie Claude Code: Du bist in unter einer Stunde fertig, weil das Programm die Dateien selbst schreibt. Und du siehst nicht, was fehlt, weil du die Dateien nie gelesen hast. Wie so ein Bau von der ersten Zeile bis zum Deploy abläuft, steht Schritt für Schritt in Landingpage mit Claude Code bauen.
Der offen liegende Schlüssel ist dabei kein Einzelfall. Die Sicherheitsforscher von Truffle Security fanden 2863 öffentlich sichtbare API-Keys, mit denen sich Googles Gemini nutzen ließ (heise online, 05.03.2026). Im selben Bericht schildert ein Entwickler eines mexikanischen Start-ups auf Reddit, wie seine übliche Monatsrechnung von 180 US-Dollar im Februar auf 82.314,44 Dollar sprang, nachdem Unbefugte den Schlüssel für Bild- und Textgenerierung benutzt hatten. Ein Einzelbericht, kein Durchschnittswert. Er zeigt trotzdem, in welcher Größenordnung ein vergessener Schlüssel abrechnet.
Welche neun Punkte prüfe ich, bevor ein Kunde den Link bekommt?
1. Der Zugangsschlüssel liegt auf dem Server, nicht im Browser. Steht er im Teil, den der Browser lädt, kann ihn jeder Besucher auslesen. Er ist dann nicht gestohlen, er ist verschenkt. Der Browser fragt bei deinem Server an, dein Server bei der KI. Danach den alten Schlüssel widerrufen und einen neuen erzeugen, er war öffentlich.
2. Jeder Kunde hat seinen eigenen Datentopf. An jeder gespeicherten Zeile steht, zu wem sie gehört, und jede Abfrage holt nur die Zeilen des angemeldeten Nutzers. Der Fachbegriff dafür ist Mandantenfähigkeit: mehrere Kunden auf demselben System, "ohne dass diese gegenseitigen Einblick in ihre Daten, Benutzerverwaltung und Ähnliches haben" (de.wikipedia). Am sichersten sitzt die Regel in der Datenbank selbst, dann greift sie auch, wenn du sie im Code einmal vergisst. In den eingereichten Testdaten der OWASP Top 10 von 2025 hatten 100 Prozent der geprüften Anwendungen irgendeine Form von gebrochener Zugriffskontrolle, Platz 1 der Liste (OWASP Top 10:2025, A01). Der Rat dort ist derselbe: Zugriffsrechte an der Eigentümerschaft des Datensatzes festmachen, nicht an der Absicht des Aufrufers.
3. Vor der Tür steht ein Login. Nicht verlinkt ist nicht geschützt. Nimm einen fertigen Anmelde-Dienst, bau ihn nicht selbst, und prüfe nicht nur die Seiten, sondern auch die Adressen, an denen dein Server Daten herausgibt. Das BSI formuliert es als Basis-Anforderung: Clients müssen sich authentisieren, wenn sie auf geschützte Ressourcen zugreifen wollen, und für fehlgeschlagene Anmeldeversuche gehören Grenzwerte festgelegt (BSI, IT-Grundschutz-Kompendium, Baustein APP.3.1, Edition 2023). Der häufigste Fehler ist eine hübsche Anmeldemaske vor einer Datenklappe, die weiter offen steht.
4. Auf dem Schlüssel liegt ein Monatslimit. Setz beim Anbieter der KI einen Betrag, bei dem Schluss ist, plus eine Benachrichtigung schon vorher. Prüf dabei, was dein Anbieter wirklich kann: Eine Benachrichtigung meldet nur, ein harter Deckel stoppt, und bei manchen Anbietern stoppt ein Budget von sich aus gar nichts, dort braucht es eine eigene Abschalt-Regel. Das ist der Deckel für den schlimmsten Tag. Setz ihn, bevor du live gehst. Danach ist es keine Absicherung mehr, sondern Schadensbegrenzung.
5. Ein einzelner Besucher kann dich nicht leerlaufen lassen. Das Monatslimit schützt dein Konto, nicht davor, dass ein Einziger es an einem Nachmittag aufbraucht. Zähl pro Nutzer mit, wie oft er drückt, und setz eine Obergrenze pro Minute und pro Tag. Derselbe BSI-Baustein führt den Schutz vor unberechtigter automatisierter Nutzung als eigene Basis-Anforderung.
6. Was hereinkommt, wird geprüft, bevor es weitergeht. Zwei Richtungen, eine Regel. Begrenze, wie lang ein eingegebener Text sein darf und welche Dateien hochgeladen werden dürfen. Beim Upload nennt das BSI ausdrücklich erlaubte Dateigröße, erlaubte Dateitypen und erlaubte Speicherorte. Und gib die Antwort der KI nie ungeprüft als fertige Seite aus, genau dort läuft sonst fremder Code in deinem Fenster mit.
7. Fehlermeldungen verraten nichts über das Innere. Der Besucher sieht einen kurzen Satz und eine Nummer. Dateipfade, Tabellennamen und Schlüsselteile gehören nicht auf den Bildschirm eines Fremden. Auch das steht im Kompendium als Konfigurationspunkt: sicherheitsrelevante Informationen in Fehlermeldungen und Antworten vermeiden. In deinem Protokoll haben Schlüssel und Kundendaten ebenfalls nichts verloren.
8. Es gibt eine Sicherung und einen Weg zurück. Zwei Dinge, die man leicht verwechselt. Die Sicherung ist eine Kopie der Kundendaten, automatisch, täglich, an einem anderen Ort. Der Weg zurück ist die Möglichkeit, in Minuten wieder auf die letzte laufende Version zu schalten. Beides einmal ausprobieren, bevor du es brauchst. Eine Sicherung, die noch nie zurückgespielt wurde, ist eine Hoffnung.
9. Zwei erfundene Kunden haben es versucht. Der einzige echte Beweis. Leg zwei Testkonten an, A und B, füll beide mit Daten, meld dich als A an und versuch mit aller Bosheit an die Daten von B zu kommen. Ändere die Nummer in der Adresszeile, ruf die Datenklappe direkt auf, log dich aus und drück auf Zurück. Wer selbst gebaut hat, testet zu freundlich.
In welcher Reihenfolge arbeite ich das ab, wenn der Link schon raus ist?
Nicht alles auf einmal. Zuerst Punkt 1, der Schlüssel, weil hier jede Stunde Geld kostet. Dann Punkt 4, das Monatslimit, weil es zwei Minuten dauert und den schlimmsten Fall deckelt. Dann Punkt 2 und 3 zusammen, Datentrennung und Login, weil das eine ohne das andere nichts bringt. Erst danach 5 bis 8. Punkt 9 zum Schluss, weil er das Ergebnis prüft und nicht die Absicht.
Wenn du zwischendurch merkst, dass Punkt 2 nicht sitzt: nimm die Sache offline. Ein Prototyp, der zwei Tage nicht erreichbar ist, kostet dich eine Erklärung. Kundendaten in falschen Händen kosten dich den Kunden.
Ab dem zweiten Projekt sparst du dir die Liste. Leg in deinem Projektordner eine Datei namens CLAUDE.md an und schreib die neun Punkte hinein. Das ist die Datei mit deinen Regeln, dein KI-Werkzeug liest sie bei jedem Start. Dann wird mitgebaut statt nachgerüstet. Welchen Rahmen so ein Werkzeug braucht, bevor es ohne Rückfrage läuft, steht in Codex oder Claude Code 2026.
Ist das nicht übertrieben für einen Test?
"Ist ja nur ein Test." Der Satz stimmt, solange niemand außer dir den Link hat. In dem Moment, in dem ein fremder Mensch darauf klickt, ist es kein Test mehr, sondern ein Dienst, den du anbietest. Die Rechnung stellt dir dann nicht das Werkzeug, die zahlst du. Und die Daten deiner Kundin gehören nicht dir, du hast sie nur geliehen bekommen.
Der zweite Einwand ist ehrlicher: "Das dauert länger als das Bauen." Ja, beim ersten Mal. Danach kostet der Härtetest nur noch das Abhaken. Wer vorher wissen will, was ein KI-Werkzeug auf dem eigenen Rechner überhaupt anfassen darf, findet die Gegenprobe in Was Claude Desktop auf deinem Mac tut.
Ich baue meine eigenen Werkzeuge nach diesen neun Punkten. Eine Marktanalyse, die früher Tage lag, läuft bei mir in 33 Minuten für 0,84 Euro Rechenkosten und spart rund 11 Stunden Handarbeit pro Woche. Was zuverlässig läuft, darf ich aus der Hand geben. Was nur einmal lief, muss ich bewachen. Seit 2017 habe ich 9,5 Mio € Werbebudget verwaltet, verteilt auf 1843 Kampagnen für 138 Unternehmen, KMU und Selbstständige (adcompany ist am Markt seit 2018). Kein einziges dieser Konten hing je an einem Prototyp, der ungeprüft online ging.
Im PDF steht dasselbe als Blatt zum Abhaken: zu jedem der neun Punkte der Satz, den du deinem KI-Werkzeug wörtlich sagen kannst, dazu die Ausfüll-Seite mit Projektname, Datum, Testpartner und Freigabe-Zeile. Neun Kästchen, und erst wenn alle sitzen, kommt der erste echte Kundenname hinein. Du bekommst es oben über das Formular.
